Ich bin ein Radioliebhaber. Allerdings muss ein guter Sender auch einen gewissen Anspruch erfüllen. Gute Musik, jenseits des Mainstreams, intelligente Wortbeiträge und interessante Special-Interest-Sendungen gehören für mich einfach dazu. Zwischen Rostock, Lübeck und Hamburg gibt es aber leider auch so manchen "Ausreißer". Immer wieder buhlen die - oftmals Privatsender, immer öfter aber auch die Öffentlich-Rechtlichen Wellen - mit sinnfreien Aktionen um die Gunst der Hörer. Die Jagd nach Marktanteilen und Quoten wird immer dämlicher, peinlicher und leider auch perverser.
Kürzlich zappte ich mich kurz vor der Endstation durch mein Autoradio und blieb bei "106.8" hängen. Da wurde am frühen Abend die "Stunde der Wahrheit" geteasert - ich bekam das Kotzen. Offensichtlich sollen die Hörer anrufen und alles Mögliche zugeben: Diebstähle, Seitensprünge, Popelessen - alles ist erlaubt. Beworben wurde diese Aktion mit einem Telefonat einer jungen Frau, die vor ungefähr 15 Jahren wohl 300 Mark aus der Firmenkasse gestohlen hatte. Sie wollte sich das Ganze von der Seele reden, weil sie sterbenskrank sei und nur noch drei Monate am Leben sein wird. Ich dachte, ich höre nicht richtig... So tief ist die deutsche Radiokultur also gesunken, dass die tiefsten Emotionen und bittersten Momente eines Menschen über den Sender gehen. Dazu zwei Moderatoren, die an Schnoddrigkeit, dussligsten Sprüchen und falscher Anteilnahme kaum zu überbieten sind. Eigentlich kann man diese "Krönung der Perversion" nur ignorieren. Außerdem sind nahezu alle Radiospiele schon tausendmal woanders gelaufen, der Treuetest z.B. ist nur gefaked. Diese Aufzählung ließe sich sicherlich problemlos fortführen.
Zur Ehrenrettung, falls es so etwas überhaupt gibt, sei gesagt: Derzeit steht wieder die Marktanalyse an, die den Sendern die Quoten beschert und damit die Werbeweichen für den Rest des Jahres stellt. Jede noch so bekloppte Aktion kommt da genau richtig, um ins Ohr des Hörers zu gelangen und im Gedächtnis zu bleiben. 106.8 steht da nicht allein da, deltra radio oder die unsäglichen Sender aus dem Nachbarbundesland Ostseewelle und Antenne Mecklenburg-Vorpommern, sowie etliche Stationen aus dem Rest der Republik machen das Gleiche. Flache Witze, die stets gleiche Musik und nervige Jingles sind derzeit überall zu hören.
Hamburgs Privatradios können auch anders. Radio Hamburg hat es vor der Bürgerschaftswahl bewiesen und mit guten Wortstrecken informiert. RSH, die Konkurrenz aus Schleswig-Holstein, hat mit "Politik am Sonntagmorgen" eine kompakt informierende Sendung im Programm.