Mittwoch, 18. Januar 2012

Unwort 2011

"Döner-Morde" lautet das Unwort des Jahres 2011. Zurecht, wie ich meine. In den Kommentaren, die heute zu lesen und zu hören sind, wird daran erinnert, dass es sich hierbei um "rassistische", "volkverhetztende" und "irreführende" Betitelungen handelt, die in keinster Weise die politische Brisanz erfassen, die hinter diesen Verbrechen stehen.

Nun weiß ich nicht genau, wer dieses Wort erfunden hat. Es liegt nahe, dass der Boulevard dafür verantwortlich ist und selbst die seriös-wirkenden Blätter und Sender dies bedenkenlos übernahmen. Möglich, muss aber nicht sein. Denn auch bei Zeitungen und Zeitschriften mit einem hohen Anspruch und hochwertigen Qualitätsansprüchen ist ein Trend zum "Wortungetüm" zu erkennen. Schließlich müssen Schlagzeilen den Leser binden - groß, laut und grell soll es sein, möglichst originell. Schließlich möchte man dem Leser suggerieren, hier sitzen keinen Wortakrobaten am Schreibtisch, sondern gebildete "Wortkünstler".  

Und gerade diese Blätter sind es jetzt, die den moralischen Zeigefinger erheben: Focus, FAZ & Co. In den Leitartikeln wird auf die Wichtigkeit der Worte, auf die Sprache und die besondere Verantwortung von Journalisten hingewiesen. Offensichtlich wird der "Döner-Mord" ab sofort aus dem Wortschatz der Redaktionen gestrichen. Befremdlich ist nur, dass dies jetzt erst geschieht - nachdem es zum Unwort des Jahres gekürt wurde.

Und dabei sollte es nicht bleiben. In den Redaktionen muss ein Umdenken in Gang kommen. Solange es sprachliche "Vergewaltigungen", schludriges Geschreibsel und unnötige Sensationsaufmache gibt, sind die Beteuerungen und Mahnungen, die im Zusammenhang mit dem Unwort 2011 abgegeben werden, vollkommen wertlos.